Vortragsveranstaltung „Countering Foreign Disinformation in the Modern Media Landscape“ von Jim Geraghty

Am 13. Mai fand an der Landesverteidigungsakademie Wien ein Expertengespräch mit Jim Geraghty, Senior Fellow vom National Review statt. Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen dem Institut für Sicherheitspolitik (ISP), der Botschaft der USA in der Republik Österreich, der Landesverteidigungsakademie und der Forschungsgruppe für Polemologie und Rechtsethik der Universität Wien.

Eingangs hält Jim Geraghty fest, dass im Jahr 2018 13 Staatsangehörige der Russischen Föderation und drei russische Unternehmen wegen einer Vielzahl von Anschuldigungen angeklagt wurden, darunter kriminelle Verschwörung, Überweisungsbetrug, Bankbetrug und schwerer Identitätsdiebstahl – allesamt im Zusammenhang mit dem Versuch der Einflussnahme von Wahlen. Während freie Meinungsäußerung in sozialen Netzwerken in freien Gesellschaften selbstverständlich erlaubt sei, sei es zugleich ausländischen Geheimdienstmitarbeitern verboten, sich online als Bürger eines anderen Staates auszugeben, um auf diese Weise die öffentliche Meinung im Vorfeld von Wahlen zu beeinflussen. Diese Art von Täuschung verstoße gegen die Wahlgesetze der USA, so Geraghty.

Internet Research Agency (IRA)

Die russische Internet Research Agency (IRA) („Troll-Armee“; in weiterer Folge IRA) gelte als Russlands wichtigstes Instrument zur Verbreitung von Desinformation und Propaganda im Internet. Seit 2013 nutze diese Organisation Social-Media-Konten, um in den USA durch information warfare Zwietracht zu stiften. Das Zielpublikum für einen Job bei dieser Agentur bilden Menschen, die über ausgezeichnete Fremdsprachenkenntnisse verfügen und bereit seien innerhalb eines Arbeitstages bis zu 135 Kommentare und Nachrichten auf Twitter, Facebook und Instagram zu publizieren. Im Jahr 2015 sprach der Blogger und ehemaliger Mitarbeiter von IRA öffentlich über seine Zeit dort und sagte, dass hunderte von Menschen in Zwölf-Stunden-Schichtbetrieb in St. Petersburg, der Zentrale von IRA, arbeiteten.

Hohe Aktivität auf Facebook

Von St. Petersburg aus begann die IRA Facebook-Gruppen zu erstellen, denen reguläre Facebook-Nutzer beitreten konnten. Insgesamt wurden 470 Facebook-Gruppen angelegt, welche die politischen Spannungen rund um die US-Wahlen ausnutzen sollten. Die meisten dieser Gruppen trugen Namen, die ähnlich klangen, wie bestehende politische Aktivistengruppen: Tea Party News, Blacktivist, LGBT United, Stand for Freedom, United Muslims of America. Einige dieser Gruppen zogen viele Mitglieder an. Als Facebook diese Gruppe Mitte 2017 deaktivierte, hatten bspw. die Facebook-Gruppe United Muslims of America der IRA mehr als 300.000 Anhänger, die Gruppe Don’t Shoot Us mehr als 250.000 Anhänger, die Gruppe Being Patriotic mehr als 200.000 und die Gruppe Secured Borders mehr als 130.000 Anhänger. Laut dem U.S. House of Representatives Intelligence Committee publizierten IRA-bezogene Seiten etwa 80.000 Inhalte – im Wesentlichen Beiträge und Grafiken – und dieser Inhalt wurde von über 126 Millionen Amerikanern gesehen. IRA verfolgte dabei keine bestimmte Taktik und versuchte die Kosten so gering wie möglich zu halten. Erst, wenn eine bestimmte Publikation die erwarteten Reaktionen auslöste, war man bereit, auch bezahlte Anzeigen zu schalten, ansonsten verwarf man die Idee und ging zur anderen über.

Nach der Gründung von Facebook-Gruppen versuchte IRA, Proteste und Kundgebungen auf folgende Weise zu organisieren. IRA kündigte ein Event an, bewarb es und gab bis zu 100.000 Dollar für Werbung auf Facebook aus. Wenn sie jemanden in den USA fanden, der auf das angekündigte Event mit Begeisterung reagierte, bat IRA diesen Personen die Koordination des Events zu übernehmen.

Meinungsbestärkung statt Meinungsmache

IRA war kaum daran interessiert, unentschlossene Menschen mit ihren intensiven, spaltenden Botschaften anzusprechen. Vielmehr zielte IRA darauf ab, die Wut und den Enthusiasmus von Menschen zu verstärken, welche bereits über feste politische Meinungen verfügte.

Im Bericht von Robert Mueller werde festgehalten, dass die Beamten der Trump-Kampagne mehrmals Pro-Trump-Botschaften von IRA-Konten retweetet, geteilt oder anderweitig beworben haben, ohne allerdings dabei über den wahren Ursprung dieser Botschaften gewusst aber auch ohne sich darüber informiert zu haben. Dies veranschauliche die Realität moderner politischer Kampagnen, so Geragthy. Wenn jemand in Social Media sage, dass ein Kandidat großartig sei, verbringen viele Nutzer nur zu oft wenig Zeit damit, sich den Urheber dieser Nachricht genau anzusehen.

Twitter, Youtube und Instagram

Bis Januar 2018 identifizierte Twitter öffentlich 3.814 Twitter-Accounts im Zusammenhang mit der IRA. Laut Twitter wurden in den zehn Wochen vor den Präsidentschaftswahlen 2016 in den USA etwa 175.993 Tweets veröffentlicht, von denen etwa 8,4 Prozent wahlbezogen waren. Das bedeute, dass 91 Prozent der Tweets nicht wahlbezogen waren. Nachdem Twitter die von der IRA kontrollierten Twitter-Accounts identifiziert hatte, beschloss eine Gruppe von Medienbeobachtern und Technologieanalysten zu untersuchen, wie viele dieser IRA-Accounts von professionellen Nachrichtenorganisationen retwittert wurden. Sie untersuchten 33 Nachrichtenagenturen; 32 zitierten mindestens ein IRA-Konto. Huffington Post zitierte sie 16mal, Daily Caller 15 mal, USA Today neunmal. Meistens wurden die Tweets als Beispiele für die öffentliche Meinung angeführt.

Die IRA nahm im September 2015 die Produktion von YouTube-Videos auf und produzierte 1.107 Videos auf 17 Kanälen. Einige wenige Kanäle waren bis Juli 2017 aktiv. Interessanterweise konzentrierte sich die IRA YouTube-Arbeit überwiegend auf ein Thema: 96 Prozent der Inhalte der Sender bezogen sich auf Black Lives Matter und Polizeibrutalität. IRA spekulierte wohl, dass Afroamerikaner im Allgemeinen demokratisch wählen und eher für Hillary stimmen würden. Daher drängten die IRA-Nachrichten die Botschaft auf, Hillary Clinton sei eine Lügnerin und es gebe keinen Unterschied zwischen Clinton und Trump, am Wahltag solle man besser zu Hause bleiben, weil keiner der Kandidaten eine Stimme verdiene.

Auf Instagram waren IRA weniger aktiv. Dies habe drei Gründe: Erstens, während Facebook und Twitter visuelle und schriftliche Texte kombinieren, sei Instagram stärker auf Fotografie fokussiert, was weniger Raum für politische Botschaften zulasse. Zweitens, konzentrieren sich die Inhalte von Instagram weniger auf Politik und aktuelle Ereignisse, sodass die Nutzer weniger wahrscheinlich auf politische Nachrichten reagieren. Drittens seien die Instagram-Benutzer grundsätzlich jünger als Nutzer anderer Social Netzwerke. So ergab eine Studie aus dem Jahr 2019, dass 60 Prozent der Nutzer zwischen 18 und 24 Jahren alt sind und 90 Prozent jünger als 35 Jahre.

GRU und information warfare

Auch die offiziellen russischen Behörden scheinen an der Wahlbeeinflussungskampagne mitgewirkt zu haben. So hackte sich der russische Militärnachrichtendienst (GRU) in das Democratic National Committee, eine Organisation, die Präsidentenvorwahlen durchführe und überwache, und in die privaten E-Mail-Konten von Persönlichkeiten, die mit Hillary Clintons Kampagne in Verbindung standen.

Die Vorgehensweise war nach Ansicht von Jim Geraghty ebenso erschreckend wie einfach: Am 19. März 2016 wurde der Vorsitzenden der Präsidentschaftskampagne von Hillary Clinton, John Podesta, eine E-Mail mit folgendem Inhalt geschickt: „Hi John, Someone just used your password to try to sign in to your Google Account john.podesta@gmail.com. Google stopped this sign-in attempt. You should change your password immediately. CHANGE PASSWORD“. Der Link zu einer Website, die das Zurücksetzen des Passwortes ermöglichen sollte, erlaubte GRU das neue Passwort zu stehlen, sich in das besagte Konto einzuloggen und alle E-Mails zu kopieren.

Podesta’s Stabschef schöpfte zunächst Verdacht und leitete die E-Mail an das Operations Helpdesk von Clinton’s Kampagne in Brooklyn weiter. Einer der Mitarbeiter schrieb allerdings zurück, dass es sich um eine legitime E-Mail handle und John sein Passwort sofort ändern solle. Der junge IT-Mitarbeiter bedachte wohl nicht, dass ein Passwort problemlos in den Einstellungen geändert werden könne, das Anklicken eines zugeschickten Links sei dazu nicht notwendig. Am 12. April 2016 erhielt die GRU auf diese Weise Zugang zum Computernetzwerk des Democratic Congressional Campaign Committee (DCCC) mit weiteren Zugangsdaten.

Bei den Midterm-Elections 2018 war das Cyber-Kommando des US-Verteidigungsministeriums bereits vorgewarnt und kündigte an, dass Textnachrichten, E-Mails und Pop-ups an mutmaßliche russische Agenten auszuschicken, um diesen zu signalisieren, dass den USA die Absichten bekannt seien und nicht unbeantwortet bleiben werden. Am Wahltag 2018, kamen die professionellen Trolle der IRA in Sankt Petersburg zur Arbeit und hatten keinen Zugang zum Internet. Zwei Tage lang konnten sie sich in keinem ihrer Social-Media-Konten anmelden.

Jim Geraghty verweist aber auch auf die Problematik solcher Gegenmaßnahmen. Seiner Meinung nach sei eine informierte und weniger naive Öffentlichkeit die beste Verteidigung gegen Desinformationskampagnen.