Chinas Belt and Road Initiative – Europas geopolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts

„Wir wollen die Seidenstraßeninitiative vorantreiben, so dass die Menschen auf der ganzen Welt davon profitieren […]. Wir wollen eine Straße des Friedens schaffen.“ So die Botschaft von Chinas Präsidenten Xi Jinping in seiner Eröffnungsrede anlässlich des „One Belt, One Road Gipfels“ am 14. Mai 2017 in Peking an anwesenden Vertreter aus 110 Ländern, darunter 28 Staats- und Regierungschefs.

Abb. 1: Chinas One Belt, One Road Initiative

Die gigantische Summe von 990 Mrd. US-Dollar sollen in den nächsten Jahrzehnten in ein Projekt fließen, das sowohl zu Land als auch zu Wasser den Eurasisch-Afrikanischen Kontinent mit einem infrastrukturellen wie ökonomischen Netzwerk an Kommunikationslinien und Wirtschaftsräumen überziehen soll. 

Seit 2013 wird von der chinesischen Führung, allen voran vom Präsident selbst, die sogenannte „New Silk Road Strategy“ verfolgt. Die Volksrepublik (VR) China will damit ihren Anspruch als Global Player und zunehmend auch als Führungsmacht dokumentieren. Spätestens mit dem 14. Mai 2017 ist diese Vision/Strategie endgültig in der globalen Geopolitik angekommen.

Mit dieser Initiative werden nicht nur Erwartungen, sondern auch Erinnerungen an längst vergangene Zeiten eurasischer Kooperation, Erinnerungen an die Seidenstraße des Mittelalters mit samt ihren geopolitisch/geostrategischen Implikationen geweckt.

Welche Tragweite das damit einhergehende geopolitische Potenzial hat, lässt sich jedoch ohne ein Mindestmaß an geopolitischem Grundverständnis nicht umfassen.

Es ist daher geraten, sich wesentliche Prinzipien und systemtheoretische Ansätze geopolitischer Theoretiker des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu vergegenwärtigen.

Glaubt man diesen frühen geopolitischen Denkern wie dem deutschen Zoologen Friedrich Ratzel, dem schwedischen Politiker Rudolf Kjellen oder dem deutschen General Karl Haushofer, so ist das Verständnis für das Verhältnis Mensch zu Raum, aber auch Staat zu Raum, und der damit korrespondierenden politischen Dynamiken von essentieller Bedeutung. Denn, so Ratzel, „Das geographische Wissen hat sich von alters her als eine politische Kraft erwiesen. Es lassen sich zahllose Aktionen anführen, die an der Unwissenheit über Land und Leute, Boden und Klima scheiterten; und ebenso zahlreiche Beispiele für die bewußte geographische Begründung politscher Entwürfe.“

Als gegeben kann angenommen/angesehen werden, dass geographische Gegebenheiten ob ihrer Unveränderbarkeit Einfluss auf die Politik oder das Verhalten von Staaten/Akteuren haben. Eine Bekräftigung dieser Argumentation findet man bei Nicholas J. Spykman (auf seine geopolitische Theorie wird in der Folge noch eingegangen) indem dieser dazu feststellt „States cannot escape their geography; A state´s foreign policy must reckon with geographic fact; It can deal with them skillfully or ineptly; it can modify them; but it cannot ignore them. For geography does not argue. It simply is.“

Mit dem Zerfall der Sowjetunion, dem Ende der Bipolarität und nach einem kurzen Interregnum unipolarer Ordnung unter US-amerikanischer Führung, ist die Weltordnung im Umbruch und auf der Suche nach einer neuen Ausrichtung. Chinas Seidenstraßeninitiative ist daher als ein Ansatz zu sehen, dieser Suche eine Option anzubieten und Chinas Anspruch als Globalen Akteur Ausdruck zu verleihen. Mit dem nunmehr als „Belt and Road Initiative“ (BRI) bezeichneten Projekt soll das historische, geopolitische und ökonomische Potenzial der mittelalterlichen Seidenstraße und des Zentralasiatischen Raumes wiedererweckt werden. Über Jahrhunderte hinweg war die Seidenstraße die Kommunikationslinie früher Hochkulturen. Damals wie heute gilt, wer Einfluss auf diese Kommunikationslinie nahm oder nehmen kann, dem wird der Zugang zu nahezu grenzenloser Macht und Wohlstand eröffnet. Als ein Beispiel sei hier das Reich der Mongolen genannt, dem größten zusammenhängenden Herrschaftsbereich der Weltgeschichte. Trotz der Verlagerung der Machtprojektion von Land auf See Anfang des 16. Jahrhunderts und der darauffolgenden Epoche der Seemächte, blieb Eurasien und der Zentralasiatische Raum der Schlüssel zur globalen Vormachtstellung. Aus diesem Grund prallten hier Ende des 19. Jahrhunderts die imperialen Interessen der Landmacht Russland und der Seemacht Großbritannien, bekannt als „The Great Game“, aufeinander.

Abb. 2: Das Reich der goldenen Horde

Der Zentralasiatische Raum, mit seiner enormen Raumtiefe und von Schiffen nicht erreichbar, ist daher Grundlage und essenzieller Bestandteil geopolitisch/geostrategischer Theorie- und Handlungsmodelle im Lichte der steten Auseinandersetzung Landmacht-Seemacht. Die Kernland Theorie von Halford Mackinder oder die Rimland Theorie von Nicholas Spykman sind die wohl bekanntesten und nach wie vor prägendsten ihrer Art.

Für Mackinder, britischer Geograph und Geopolitiker, ist die internationale Politik ein Kampf der aus den Fugen geratenen Welt um relative Effizienz und die Fähigkeit, das Weltgeschehen entsprechend geopolitisch visualisieren zu können. Als Vertreter des Britischen Empires und damit maritim denkenden Geopolitiker sieht er die zentrale Landmasse Eurasiens als die globalpolitisch dominante Region, deren Beherrschung den Schlüssel zur Weltherrschaft darstellt.

Die eurasische Landmasse, im Wesentlichen der russisch-zentralasiatische Raum, ist einerseits für Seemächte unzugänglich und andererseits, ob ihrer Lage, projektionsfähig gegenüber die, diese umgebende maritime Randzone.

Abb. 3: Makinders Heartland Theory

Weil Landmächte auf der „Weltinsel“ (Eurasien) kleinere Entfernungen haben um zu reisen als Seemächte, die an der Peripherie operieren, so Mackinder, würde jede Zunahme ihrer Beweglichkeit das Gleichgewicht der Kräfte zu ihren Gunsten kippen.  Auf diese Weise würden jene, die das „Herzland/Kernland“ beherrschen, die Möglichkeit haben, die ganze Weltinsel zu beherrschen.  Als Referenzmodell diente ihm dabei das bereits erwähnte Reich der „Goldenen Horde“. Waren es doch die Mongolen, die aus ihrer zentralen Position heraus und auf Grund ihrer hohen Beweglichkeit in der Lage waren, fast die ganze damals bekannte Welt zu beherrschen.

Besondere Aufmerksamkeit widmete Mackinder auch der kontinentalen Ausbreitung des zaristischen Russlands. Die Eroberung der Landmasse zwischen Ural und Wladiwostok an der Pazifikküste war den Eroberungszügen der Mongolen und Osmanen ähnlich und den Vorstellungen maritimer Machtprojektion diametral entgegengesetzt. Mit dem Ausbau von Eisenbahn- und in der Folge Straßenverbindungen in Zentralasien zeichnete sich eine derartige Kräfteverschiebung zu Gunsten von Landmächten ab – die Herausforderung für Seemächte nahm zu. Jegliche Verschiebung der Mobilität zu Gunsten einer zentralen Landmacht würden diese somit in eine Randlage bringen. Mit dem Satz, „Who rules Eastern Europe commands the Heartland. Who rules the Heartland commands the World Island. Who rules the World Island commands the World“, bringt er diese Befürchtung/These schließlich auf den Punkt.

Abb. 4: Heartland versus Rimland

Von der Kernlandtheorie ganz wesentlich inspiriert war Mackinders Zeitgenossen N. Spykman. In seinen richtungsweisenden Werken „The Geography of the Peace“ und „America’s Strategy in World Politics: The United States and the Balance of Power” sieht er einen unausweichlichen Zusammenhang zwischen der geographischen Lage eines Staates/Akteurs und dessen daraus resultierenden Handlungsoptionen. Insbesondere die unterschiedliche Sicht- wie Herangehensweisen von See- oder Landmacht spielen eine maßgebliche Rolle in seinen Überlegungen. Damit geht Spykman mit dem Postulat von Kjellén konform wonach geographische Lage und (geo-) politische Handlungsfreiheit untrennbar sind. Im Zuge seiner Analysen adaptiert Spykman die These Mackinders insofern, als er nicht das Kernland oder das, diesem vorgelagerte Osteuropa als Schlüssel zur Weltmacht sieht, sondern vielmehr das, dieses umgebende Randland. Er spricht vom sogenannten „Rimland“, das einem Gürtel gleich eine Pufferzone zwischen Land- und Seemacht bildet. 

Dieses Rimland ist in den Überlegungen von Spykman das zentralen Element geopolitischen Handelns – „Who controls the rimland rules Eurasia; Who rules Eurasia controls the destinies of the world.”  Der Kampf um Eurasien ist nicht der Kampf Seemacht gegen Landmacht, sondern verhindere das eine Macht das Rimland besitzt.

Sowohl Mackinders Heartland als auch Spykmans Rimland Theory sind somit von wesentlicher Bedeutung, will man die geopolitisch/geostrategische Dimension der BRI umfassen.

Mit der BRI und insbesondere mit dem kontinentalen Teil des Projektes berührt China nun genau diesen geopolitisch höchst sensiblen Raum. Heute liegen am dies- und jenseitigen Ende des Raumes zwei der größten Volkswirtschaften unserer Zeit. Im Westen die Europäischen Union, im Osten die Volksrepublik China, flankiert von der Russischen Föderation im Norden und dem zukünftig bevölkerungsreichsten Land der Erde Indien im Süden. Die Vereinigten Staaten von Amerika als Insel und Seemacht sind militärischer wie politisch präsent.

Was bedeutet dies nun für Europa, die Europäische Union und damit auch für Österreich?

Hierzu bedarf es einer zumindest fragmentarischen Einschätzung chinesischer Bedürfnisse und Eigenperzeption.

Die VR China ist sowohl demographisch als auch wirtschaftlich „die“ prosperierende Macht im asiatisch/pazifischen Raum, mit dem Anspruch auf eine Klassifizierung als Global Player. Die enorme Entwicklung des Landes in den letzten drei Jahrzehnten spiegelt sich in seinen beeindruckenden Wirtschaftsdaten wider.

Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 8% und einem BIP von 9.181.377 Mio. US-Dollar ist China seit 2014 die drittgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Um jedoch die Leistungsfähigkeit zu erhalten, sieht sich das Land einem permanent steigenden Bedarf an fossilen Primärenergieträgern gegenüber. Der Bedarf an Kohle, Erdöl und Erdgas wird mittlerweile zu 50% durch Importe, in erster Linie aus dem arabischen Raum und Australien, gedeckt. Neben der Ressourcenabhängigkeit ist die VR China explizit vom Zugang zu seinen Exportmärkten Europa und den USA abhängig.

Insbesondere der Anziehungskraft des kaukasisch-kaspisch-zentralasiatischen Raumes, dessen Ressourcenreichtum und geostrategischen Lage inhärent ist, wird sich die zukünftige Ausrichtung der Volksrepublik folglich nicht entziehen können. Kooperationen mit einzelnen Zentralasiatischen Staaten lassen untrüglich auf ein verstärktes Interesse am Raum entlang der „Neuen Seidenstraße“ erkennen.

So werden basierend auf den bereits aus den 1960er Jahren stammenden Straßen- und Eisenbahnprojekte (Trans Asia Railway Network und Trans Asia Highway Network) eine Modernisierung der Infrastruktur vorangetrieben, aber auch neue Verbindungen geschaffen.

So wurde am 11. Mai 2018, wenige Tage nachdem US-Präsident Trump den Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran verkündet, die neue Eisenbahnverbindung zwischen China und dem Iran feierlich eröffnet.

Laut der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua fuhr der mit 1.150 Tonnen Sonnenblumenkernen beladene Zug in nur 15 Tagen von der chinesischen Stadt Bayan Nur in der autonomen Region der Inneren Mongolei nach Teheran. Die 8.352 Kilometer lange Strecke verläuft über die zentralasiatischen Staaten Kasachstan und Turkmenistan in den Iran. Im Vergleich mit dem Seeweg nicht nur eine Zeitersparnis von mindestens 20 Tagen, sondern gleichzeitig eine kontinentale, nicht von den USA unmittelbar beeinflussbare Verbindung.

Die Volksrepublik befindet sich in einem Spannungsfeld von Ressourcenbedarf, Marktzugang und Bedarf an Lebensraum. Trotz dieser Anforderungen lehnte das offizielle China bis 2015 jegliche offensive Veränderung seines Umfeldes ab und verharrt in einer Ambivalenz zwischen Global Player und widerwilliger Großmacht. Geprägt von ihrer tausendjährigen Geschichte und getragen von der Perzeption, das Zentrum der Erde zu sein, ist China jedoch gefordert, den Bedürfnissen seiner Gesellschaft zu entsprechen. Die Verletzlichkeit und damit Interdependenz des Landes wird China, trotz der langen Zeit des selbstauferlegten Prinzips der friedlichen Koexistenz und des friedlichen Aufstiegs, eine Positionierung auf dem Spielfeld der internationalen Beziehungen abverlangen.

Unter der Führung von Xi Jinping ist zuletzt sichtbar Bewegung im geopolitischen Handeln erkennbar. Zunehmend begibt sich das „Reich der Mitte“ aus seiner Deckung, zunehmend ist spürbar, dass die VR China verstärkt internationale Verantwortung übernehmen will und klarer als bisher, seine geopolitischen Ziele definiert.

Abb. 5: Continental Power Play and Weiqi

Erstmals in seiner viertausendjährigen Geschichte hat China mit der Basis in Dschibuti einen Militärstützpunkt außerhalb seines Hoheitsgebietes errichtet, erstmals seit Bestehen der Volksrepublik sprechen die aktuellen Sicherheitsstrategien der Volksrepublik aus dem Jahr 2015 von „The Principles of Active Defense” oder „China’s armed forces can fight and win war”. Dies ist ein Paradigmenwechsel 1. Ordnung!

In diesem Lichte und spätestens seit dem Gipfel in Peking ist klar, welche geopolitisch/geostrategische Rolle die BRI auf Chinas Weg zur Globalen Macht spielt.

Offensichtlich ist, dass den Prinzipien des „Weiqi“ folgend, die VR strategisch Positionen auswählt, beansprucht und schließlich physisch/militärisch besetzt. Ziel ist es, die eigene Handlungsfähigkeit ohne offenen Konflikt strukturiert zu erhöhen, die Handlungsoptionen der Gegner hingegen nachhaltig einzuschränken, mit dem Ziel, diesen schlussendlich Handlungsunfähig zu machen.

Die Okkupation von Inseln im Süd- und Ostchinesischen Meer, der Kauf von strategisch wichtigen Häfen wie Gwadar in Pakistan oder Hambantota auf Sri Lanka, und die Investition in Infrastrukturprojekte in Afrika und EU-Europa, sind Indizien, die eine darauf abzielende Politik Chinas schließen lasse. Inseln, Häfen oder Infrastruktur in Verbindung mit geschickt inszenierten politischen Formaten wie der Plattform „17+1“ (17 Mittel- und Südosteuropa und China), sind somit strategisch wohl überlegte Steine am geopolitischen Spielfeld.

Daraus resultierende Konflikte, seien es jene im Süd- oder Ostchinesischen Meer, werden bewusst in Kauf genommen und lassen den Schluss zu, dass sich China zunehmend von seiner Politik des „Friedlichen Aufstieges“ und der „Friedlichen Koexistenz“ verabschiedet.

In diesem Lichte zurückkehrend zur oben gestellten Frage, was bedeutet dies nun für Europa, die Europäische Union und damit auch für Österreich, ist nun zu ergänzen, in wie weit wird diese Entwicklung in Europa und der EU wahrgenommen? Welche Strategie verfolgt die EU daher in Anbetracht dieser offensichtlichen geopolitischen Herausforderung?

Nun, eine erste Bestandsaufnahme ist ernüchternd und lässt den Schluss zu, dass EU-europa auf dem Spielfeld noch nicht wirklich angekommen ist. Die EU-China Strategie von 2016 und das Papier „EU-China – A strategic outlook“ von März 2019 sind EU-übliche, nichtssagende Erklärungen ohne Biss.

So scheint das Europa der Europäischen Union in seiner Zerrissenheit zwischen Individuellem und Kollektivem, zwischen Nation und Europa, und im Wissen um die fatalen Folgen offensiven realistischen Handelns (dem Krieg), jegliche Bereitschaft zu autonomem Handeln aufgegeben zu haben. Die Stärke seiner ökonomischen Fähigkeiten und der Anziehungskraft seiner gesellschaftlichen Prosperität wird dem freiwilligen Gefolge US-amerikanischer Interessen unterworfen oder nationalstaatlichen Befindlichkeiten geopfert. Die EU, im Kollektiv die größte Wirtschaftsmacht der Erde, beraubt sich dadurch des Grundpfeilers einer autonomen Außen- und Sicherheitspolitik. Im Lichte der BRI und der damit beginnenden Neuausrichtung der globalen Ordnung wird Europa erkennen müssen, dass es Maßnahmen zur Sicherung seiner Interessen ergreifen muss.

Im geopolitischen Spiel der Kräfte am Eurasischen Kontinent sieht es sich dabei nicht nur mehr der Landmacht Russische Föderation oder dem unmittelbaren Einfluss der Seemacht USA gegenüber, sondern ab sofort auch jenem der VR China.

Wollen die Staaten Europas und die Union in diesem Spannungsfeld des globalen Umbruches bestehen, so ist eine kohärente Außen- und Sicherheitspolitik, wie auch Wirtschaftspolitik alternativlos. Will man nun eine solche umreisen, so müsste diese wohl folgende Eckpunkte umfassen: (1) Bi- und multilateralen Initiativen im Zentralasiatischen Raum; (2) Wirtschaftliche wie politische Maßnahmen innerhalb der EU zur Eindämmung chinesischen Einflusses; (3) Verstärktes/offensives Engagement beim Ausbau der Straßen-/Eisenbahninfrastruktur innerhalb wie außerhalb der EU; (4) Eine Ausgrenzung Russlands ist dabei zu vermeiden; (5) EU abgestimmte Wirtschaftsbeziehung der EU-Mitgliedsstaaten mit der VR China, Ausverkauf und Abhängigkeiten reduzieren; (6) Der sicherheitspolitischen Abhängigkeit von den USA ist im Wege einer kohärenten Umsetzung der GASP und GSVP zu begegnen. Bei der Umsetzung einer derart autonomen EU-europäischen Vorgehensweise muss indes berücksichtigt werden, dass sich damit ein permanenter Balanceakt zwischen dem transatlantischen Partner USA und den regionalen Interessen Russlands eröffnet. Die USA werden eine autonome Politik der EU am Eurasischen Kontinent als eine einschneidende Schwächung ihres globalen Einflusses beurteilen, die in jedem Fall zu verhindern ist. Die Russische Föderation wiederum werden ein Eindringen der EU in den Zentralasiatischen Raum als unmittelbare Bedrohung ihrer Interessen werten und Gegenmaßnahmen setzen. China seinerseits wird wenig Interesse an einer kohärenten Macht EU haben. Es wird daher von entscheidender Bedeutung sein, in wie weit Europa in der Lage ist, an diesem geopolitischen Spiel teilzunehmen.

An dieser Stelle erscheint es nun auch legitim zu Fragen – und was macht Österreich?

Ähnlich wie andere EU-europäischen Staaten versucht auch Österreich sein Glück im Abschluss von bilateralen Handels- und Investitionsabkommen mit der Volksrepublik. Unberücksichtigt bleibt dabei jedoch, dass es gerade chinesische Firmen und Investoren sind, die den österreichischen Firmen zunehmend als Konkurrent im gerade für Österreich so wichtigen Markt Zentral- und Osteuropa gegenübertreten. Eine daher sinnvollerweise mit der EU abgestimmte Politik ist dabei nicht erkennbar.

Ebenso vernachlässigt wird der Ausverkauf von österreichischer Hochtechnologie an China. War für Deutschland die chinesische Übernahem von KUKA, ein Branchenriese im Bereich Robotik und Industrieanlagen, ein warnender Weckruf, so blieb in Österreich der Verkauf des Flugzeugherstellers Diamond Aircraft samt seiner Hochtechnologie im Bereich Luftfahrt weitestgehend unbemerkt.

Es ist aus der Sicht Chinas eine zutiefst logische Herangehensweise, jahrzehntelange Forschung durch Akquisition von externem Wissen zu umgehen. Umso mehr ist es daher für die EU-europäischen Staaten und damit auch für Österreich erforderlich, gerade auf dem Bereich Hochtechnologie zumindest zwei Schritte vor der Volksrepublik zu bleiben und einen Ausverkauf dieser zu verhindern. Bei all dem in Europa vorherrschenden wirtschaftsliberalen Denken, der Bereich Hochtechnologie ist ein staatsstrategischer Bereich und als solcher entsprechend zu behandeln. Damit einhergehend sollte man sich im Klaren sein, in Europa gilt „Copyright“, in China gilt „Copy is right“ – eifere deinem Meister nach und werde besser als dein Meister!

Nüchtern betrachtet ist Chinas Jahrhundertprojekt für Europa und Österreich somit eine Vision von enormer geopolitischer Tragweite und inkludierter kulturideologischer Dimension.

Bei all der vielleicht in manchen europäischen Staatskanzleien aufkeimender Euphorie, abseits geostrategischer Interessen ist in der VR eine verstärkt wahrnehmbare Revitalisierung der Perzeption im Sinne des mittelalterlichen Gedankens des sinozentrischen Selbstverständnisses spürbar. China sieht sich zunehmend als der einzig zivilisierte Staat, der Macht der Mitte, dem sich die Welt in freiwilliger Gefolgschaft unterwirft.

Mahnend sei deshalb ein historischer Versuch chinesisch-europäischer Kooperation in Erinnerung gerufen.

Im Jahre 1792 entsandte der Englische König Georg III eine Delegation unter Führung von Lord George Macartney nach China mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen Großbritannien und China neu zu ordnen. Insbesondere sollte eine wirtschaftliche Öffnung des Kaiserreichs erreicht werden. Im Selbstverständnis der sinozentrischen Perzeption wurde das Anliegen vom Chinesischen Kaiser zurückgewiesen und die Mission scheitert, mit fatalen Folgen für China. Mit dem Ersten Opium Krieg (1838–1842) und der folgenden zwangsweisen Öffnung des chinesischen Marktes durch die Europäischen Kolonialmächte begann für China das Jahrhundert der Depression und der ungleichen Verträge. Schließlich besiegelte der Sturz von Kaiser Puyi 1911, dem letzten Kaiser der Qing-Dynastie, das Ende der tausendjährigen Geschichte (1570 v. Chr.-1911 n. Chr.) des Chinesischen Kaiserreichs.

Abb. 6: Eine Karikatur von James Gillray (1791) zeigt den britischen Gesandten Lord Macartney bei der Überreichung des Briefs von König Georg III von England an Kaiser Qiànlòng. Die Karikatur war geradezu prophetisch. Ein Jahr nach der Veröffentlichung der Karikatur beantwortete Kaiser Qianlong die Forderungen der Briten klar und eindeutig!

Die überhöhte Selbstbezogenheit der chinesischen Gesellschaft und die damit einhergehende völlige Selbstüberschätzung, Auslöser dieser Katastrophe, spiegelt sich im Brief des Chinesischen Kaisers Qiánlóng (Chi`en Lung) an Georg III von England – 1793:

„Wir, durch die Gnade des Himmels Kaiser, belehren den König von England, unsere Klage zur Kenntnis zu nehmen: Das Himmlische Reich, das alles beherrscht, was zwischen Vier Meeren liegt […] schätzen keine seltenen und kostbaren Dinge […] auch haben wir nicht den geringsten Bedarf an Manufakturen Eures Landes […] Daher haben wir Euren Tributgesandten befohlen, sicher nach Hause zurückzukehren. Ihr, o König, sollt einfach in Einklang mit unseren Wünschen handeln, in dem Ihr Eure Loyalität stärkt und ewigen Gehorsam schwört.“ 

Diese hundert Jahre der Depression haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der chinesischen Gesellschaft eingebrannt, so war in der Verteidigungsstrategie von 1998 dereinst zu lesen „Following the Opium War in 1840, China was gradually reduced to a semi-colonial and semi-feudal country, and the Chinese nation was subject to the imperialist powers‘ invasion, oppression, bullying and humiliation time and time again.”

In Anbetracht dieser Erkenntnisse sollten sich die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten zwei Fragen stellen:  Erstens, was hat die VR China aus seinen Geschichte gelernt und zweitens, in wie weit entspricht Chinas Eigenperzeption jener der Zeit Kaisers Qiánlóng, nur mit umgekehrten Folgen?

Die aktuelle Chinesische Militärstrategie von 2015 eröffnet hierzu wie es scheint zumindest eine Antwort – „It is a Chinese dream of achieving the great rejuvenation of the Chinese nation.”