Hal Brands, Henry A. Kissinger Distinguished Professor für international Beziehungen an der Johns Hopkins University School of Advanced International Studies (SAIS)

Aus dem Englischen von Alexander Dubowy

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Seit 70 Jahren wird die Außenpolitik der USA, wenn auch nur implizit, von einer Doktrin bestimmt, die als „Spiderman-Doktrin“ bezeichnet werden kann. Die Grundidee dieser Doktrin kommt im ersten Spider-Man Film aus dem Jahr 2002 zum Ausdruck: „Mit großer Macht kommt große Verantwortung“. Diese Doktrin war der Schlüssel zum US-amerikanischen Aufstieg im Rahmen des internationalen Systems. Die US-amerikanischen Partner waren bereit, die enorme Macht der USA zu akzeptieren, weil sie glaubten, dass die USA diese Macht im Normalfall verantwortungsvoll einsetzen werden. Heute scheint die Trump-Administration dieses stillschweigende Übereinkommen zu brechen. Dies wird zu einem zentralen Problem US-amerikanischer Politik, nicht nur im Jahr 2018, sondern auch darüber hinaus.

Große Macht wird in internationalen Beziehungen nur allzu oft als bedrohlich empfunden. Der Grund dafür liegt in der grundsätzlichen Möglichkeit, diese Macht zum Schaden der anderen einzusetzen. Die Theorie des Mächtegleichgewichts (balance of power theory) besagt aus diesem Grund, dass sich Staaten gegen Machtungleichgewichte im System internationaler Beziehungen verbünden, um starke Machtkonzentration auszugleichenund die Gefahren, die eine solche Machtkonzentrationmit sich bringt, abzumildern. Die USA haben es jedoch geschafft, diese Tendenz zu vermeiden und sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges (jedenfalls seit dem Zerfall der Sowjetunion) der mächtigste Akteur in den internationalen Beziehungen. Die meisten Staaten – in- und außerhalb Europas – haben sich mit der Führungsrolle der USA abgefunden. Wie es der Historiker Geir Lundestad anmerkte, errichteten die USA nach 1945 ein Imperium, allerdings ein „Imperium auf Einladung“.

Legitimität US-amerikanischer Machtausübung

Die globale Legitimität der Machtausübung durch die USA hat mehrere Gründe. Während des Kalten Krieges überzeugte die Gegenwart sowjetischer Bedrohung viele Nationen davon, dass die Alternative zur US-Hegemonie als massiv negativ empfunden wurde. Die Tatsache, dass die USA eine Demokratie sind, machte die Machtausübung durch die USA weniger bedrohlich, als durch einen autoritären Staat. Vor allem aber haben die USA aufzuzeigen versucht, dass sie ihre enorme Macht konstruktiv ausüben können. Wie Gilford John Ikenberry aufzeigte, schuf Washington Allianzen und andere Institutionen internationaler Beziehungen, die die USA an seine Partner banden und die Verbündeten über die US-amerikanischen Absichten grundsätzlich unterrichteten. Die USA bauten sich auf diese Weise einen Ruf eine zuverlässige und in ihrer außenpolitischen Ausrichtung beständige Hegemonialmacht zu sein auf und waren führend an der Bewältigung wichtigster globaler Probleme beteiligt. Im Großen und Ganzen gelang es den USA eine stabile und weitgehend positive globale Ordnung aufzubauen, die die Sicherheit und den Wohlstand der USA durch Förderung der Sicherheit und des Wohlstands anderer Staaten gewährleisten würde.

Freilich gab es auch Situationen, in denen diese Tradition mehr missachtet als befolgt wurde. Viele US-amerikanische Verbündete betrachteten den Krieg in Vietnam als ungerecht und unüberlegt. Auch der Irak-Krieg 2003 wurde als ein solcher Fall gesehen, in dem John Gaddis Formulierung nach „große Macht ohne große Verantwortung ausgeübt wurde“. Dennoch bestätigten diese Ausnahmen die Regel: Diese Ereignisse waren auch deswegen dermaßen alarmierend, weil sie den Eindruck erweckten, dass die Supermacht USA von ihrer Tradition einer nüchternen und konstruktiven Außenpolitik abwichen. Und das ist genau der Punkt, welcher Donald Trumps Politik so beunruhigend macht: Der Präsident hat bislang zahlreiche Schritte gesetzt, die ernste Zweifel am Bestand der „Spiderman-Doktrin“ aufwerfen.

Trumps Außenpolitik

Die US-amerikanische Administration verfolgt eine äußerst provokative Politik gegenüber Nordkorea, wodurch die ohnehin schon gefährliche Situation verschlimmert wurde. Dieses Verhalten bewog einige Beobachter zur Feststellung, dass Washington nunmehr beinahe genauso unberechenbar geworden ist, wie Pjöngjang. Trump scheint die Spannungen Nordkorea gegenüber in der Hoffnung auf Pjöngjangs Rückzug erhöhen zu wollen. Gleichzeitig aber wird dadurch das Risiko einer Fehlkalkulation erhöht. Die USA könnten in eine diplomatische Falle hineintappen, in der es zwischen katastrophaler Eskalation und dem erniedrigenden Eingeständnis, dass Trumps militärische Drohungen unbegründet waren, zu wählen gelte.

In ähnlicher Weise hat Trump den Iran-Atomdeal untergraben. Er hat dies entgegen den Warnungen getan, dass das Ausscheiden der USA aus dem Atomdeal mit dem Iran eine erneute nukleare Krise im Persischen Golf provozieren könnte und es schwerer machen würde, den regionalen Expansionsbestrebungen Irans entgegen zu wirken. In Bezug auf die internationale Diplomatie forderte Trump globale Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des dschihadistischen Terrorismus und der Eindämmung Nordkoreas. Dennoch hat er die multilaterale Diplomatie aufgegeben, so u.a. in Bezug auf die Bekämpfung des globalen Klimawandels sowie durch den Rückzug aus dem Transpazifischen Handelsabkommen. Gegenüber den US-amerikanischen Verbündeten scheint Trump oft entschlossen zu sein, die Glaubwürdigkeit von US-amerikanischen Garantien zu schwächen, indem er sich bspw. zunächst weigerte, die NATO-Garantie nach Artikel 5 zu bestätigen.

America First – America Only?

Die von Donald Trump verkündete „America First“-Doktrin gründet auf einer eng nationalistischen Sicht der US-amerikanischen nationalen Interessen. Die Nachkriegsdiplomatie der USA war niemals altruistisch, dennoch gründete sie auf der Idee, dass die USA durch die internationale Politik des positiven Summenspiels („win-win-Situationen“) insgesamt gewinnen. Im Gegensatz dazu vertritt Trump einen Nullsummenspiel-Ansatz, bei dem der Gewinn für die anderen automatisch den Verlust für die USA bedeutet. „Wir haben andere Länder reich gemacht, während der Reichtum, die Stärke und das Vertrauen unseres Landes hinter dem Horizont verschwanden“, stellte Donald Trump in seiner Antrittsrede fest. Aus diesem Grund hat Amerika nunmehr eine rücksichtslosere Diplomatie zu verfolgen.

Trumps Politik hat so den Eindruck einer Supermacht erweckt, die sich rücksichtslos verhält, bei zentralen Fragen von globaler Bedeutung nicht mehr zu führen bereit ist und die nationalen Interessen zunehmend exklusiv und nicht mehr integrativ versteht. Die Gefahren dieses Außenpolitikverständnisses sind tiefgreifend. Trumps Politik wird die Lösung transnationaler Probleme erschweren, das Eskalationspotential bereits belasteter Beziehungen erhöhen sowie wichtige US-amerikanische Allianzen und Partnerschaften schwächen. Mehr noch wird dieses Verhalten die Auffassung untergraben, wonach die USA grundsätzlich eine weitgehend positive und stabilisierende globale Rolle spielen – dass die USA ihre Macht verantwortungsvoll einsetzen.

Diese Haltung wird nicht über Nacht verschwinden; Washington hat in dieser Hinsicht im Laufe der Jahrzehnte große Glaubwürdigkeit aufgebaut, und die meisten US-amerikanischen Partner scheinen darauf zu vertrauen, dass sich die Politik der USA nach der Präsidentschaft Donald Trumps „normalisieren“ wird. Sollte allerdings Donald Trump weiterhin eine Außenpolitik verfolgen, die die „Spiderman-Doktrin“ missachtet, laufen die USA Gefahr, als eine wenig vertrauenswürdige, zugleich aber potentiell gefährliche Supermacht angesehen zu werden, die es nach Möglichkeit einzudämmen gilt. Die Beziehungen zwischen den USA und Russland werden 2018 konfliktär bleiben und das Verhältnis zur EU wird deutlich abkühlen.

 

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